Wagon-DH in Faulx / Frankreich


Der 8te Wagon-DH in Faulx / Frankreich (Lothringen) aus der Sicht eines kleinen Deutschen Fahrers

Es gibt so diese Orte, die für einen etwas wirklich Besonderes sind. Manchmal kann man es nicht erklären, aber es sind diese Orte, da kommt man hin und man fühlt sich zu Hause. Sämtliche Lasten, die die Seele erdrücken sind in weiter Ferne, negative Gedanken gänzlich verschwunden, sogar Symptome diverser Traumata und psychischer Störungen bleiben zu Aufenthaltszeiten an diesen Orten aus. Für mich gibt es einen solchen Ort am Mont St. Odile, hinter dem kleinen Ort Barr in den Vogesen, unlängst der deutschen Grenze. Hier gab es bis 2012 eine der schönsten Downhill Strecken die ich kenne, und immer wenn ich dort war, wusste ich, ich bin zu Hause. Würde ich an Waldgeister glauben, dann würde ich sagen, die vom Mont Saint Odile mögen mich.

Als ich mich vor einigen Wochen mit meinen Kumpels aus Barr und Umgebung zum Ballern traf, haben wir auch über unsere Rennvorhaben für 2015 gesprochen. Unser Schnellster, der Flo, schwärmte vom Rennen in Faulx, welches in wenigen Wochen ausgetragen werden wird. Sei eine saugeile Strecke, und es sei gleich um die Ecke. Zuhause angekommen meldete ich mich schnell an - siehe da, ich hatte die 5t-letzte Anmeldung. Freudig sah ich dem Wochenende vom 19. - 20. April 2015 entgegen, wo ich mit meinen elsässischen Kumpels aus Barr und Strassburg in Faulx (sprich: Foh) ballern gehen würde. Die meisten von ihnen fahren Reichmann-Engineering RIP-Rahmen - eine deutscher Custom-Downhillrahmen, welchen meine Wenigkeit from scratch entwickelte und von dem ich auch der Hersteller bin. Ich erinnerte mich an die alten Zeiten des Rennens in Barr - Mann, war das immer geil.

Als es so weit war, musste ich erstmal fest stellen, dass "gleich um die Ecke" knapp 300 km sind, und dass es so auf halbem Wegen nach Paris liegt... 20 km hinter Nancy. Ich wusste gar nicht, dass Lothringen so breit ist. In einem Video im Internet musste ich auch fest stellen, dass die Strecke 1,5 km lang ist und 15 Sprünge enthält. nichts gegen Sprünge, aber ich bin doch kein 4X-er, ich bin Downhiller. Das fing ja schon mal toll an. Auf dem Weg nach Faulx noch eben 2 mal geblitzt worden, waren wir gegen 12 h am Ort des Geschehens. Der Zeitplan war von der chilligeren Sorte: Samstag Vormittag das Kinderrennen, Samstag Nachmittag ab 13 h Erwachsenentraining, Sonntag Morgen Erwachsenentraining, ab 13 h Lauf 1 (so was wie bei uns der Seeding), ab 15 h Lauf 2. Ähnlich wie damals in Barr. Bei Ankunft sprangen lauter Knirpse beim Event umher - die hatten eben das Kinderrennen. Offensichtlich auf einer leicht abgekürzten Strecke, wenn ich mir die Run-Times der Kiddies anschaue. Jetzt wird mir auch klar, warum Franzosen so schnelle Leute auf dem DH-Rad sind - von klein auf Racing getrimmt. Zum Vergleich, in Deutschland haben wir den Rookie's Cup als "Kinderrennen". Wie viele Läufe hat dieser? 4? In Frankreich gibt es regionale Rennserien, wie den Coup Lorraine, welcher alleine 5 Rennen umfasst. Und ich möchte nicht wissen, wie viele andere Regionale Rennserien es gibt, der "Lothringen-Pokal" (wie man diesen übersetzt) ist sicher nicht der einzige. Es scheint mehr Strecken und mehr Wettkampfmöglichkeiten bei unseren Nachbarn zu geben.
Der Sprung vom Wagon, welcher für die Kleinen offensichtlich gesperrt war (auch besser so):
https://www.flickr.com/photos/wagondh/17290750711/

Nun sind wir also beim Erwachsenenrennen angekommen. Und hier ging es erst mal ganz chillig mit 45 Minuten Wartezeit in der Shuttleschlange los. Bereits leicht angepisst betrat ich den Shuttle - und hier möchte ich einen großen Unterschied zwischen deutschen und französischen Shuttles hervorheben:
- im deutschen Shuttle stellt man ca. 15 bis 20 Bikes vorsichtig nebeneinander in den Transporter, hexagonal dichtest gepackt, wie der Werkstoffkundler sagen würde. Danach füllt man den Viehtransporter mit Leuten auf, die letzten Drei werden mit ordentlich Nachdruck irgendwie 'reingepresst, Klappe zu, Affe tot. Der Rallye- ääää h Shuttlefahrer gibt ein mal richtig Stoff, alle Bikes fliegen um, 50 % der Leute drauf, dann geht hinten noch bei der ersten Bodenwelle die Tür auf, 3 Typen fliegen raus (deswegen gibt es Protektoren Pflicht), und man kommt oben zerdrückt, verkratzt, zerbeult und falls einer der Kollegen einen fahren lässt evtl. vergast oben an. Das Aufladen dauert 10 min, die verhakten Bikes oben wieder auseinander zu bekommen mind. 15 min.
- im französischen Shuttle hingegen gehen immer Biker und Bike gemeinsam in den Shuttle. Das Bike wird auf das Hinterrad gestellt und vom Besitzer gehalten, der sich an der Wand anlehnt. Einer links, einer rechts... so durch bis der Shuttle voll ist. Dauert max. 5 Minuten. Oben angekommen steigen alle nacheinander mit ihren Bikes aus, dauert maximal 2 Minuten. Der Shuttlefahrer fährt recht vorsichtig, was auch notwendig ist, denn immerhin steht man hinten im Shuttle. Die Bikes sind nicht verkratzt, alle am Leben, keiner fliegt raus. Die Shuttlefahrt dauert eine Minute länger, das effizientere Aus- und Einladen spart ca. 10: https://www.flickr.com/photos/wagondh/17081946387/

Alle waren heiß auf's Ballern, und oben angekommen standen wir eine weitere Stunde am Start in der Schlange, da sich gleich in den ersten paar Minuten einer zerlegt hatte - wohl so schwer, dass die Strecke gesperrt werden musste, der Kollege musste per Bergungstrupp zum Krankenwagen getragen werden. Die Meute war durch die ganze Warterei wohl noch heißer auf's Ballern, und so war es nicht verwunderlich, dass sich sofort ab Wiedereröffnung der Strecke weitere 3 Fahrer abgeschossen haben. Also nochmals 3 mal Streckensperrung mit Krankenwagen.
Um Todesfälle zu verhindern, wurden bei Wiederaufnahme der Wiederaufnahme des Trainingsbetriebs erst mal alle größeren Sprünge geschlossen. So war einigermaßen sichergestellt, dass sich die Rider erst mal an die Streckenführung gewöhnen, und auch dass sie sich vom Chickenway aus die Sprünge einmal anschauen konnten. Laurent aus Strasbourg am Road Gap: https://www.flickr.com/photos/wagondh/17224759651/

Hier der Step Down vom Eisenbahnwagon, dem Namensgeber des "Wagon-DH":
https://www.flickr.com/photos/wagondh/17038936299/

Interessant auch die französische Beschilderung für "Chickenway": Während in Deutschland blöde, verarschende Schildchen von kleinen Phallussymbolen oder Hühnern gemalt werden, finden sich in Frankreich Schilder mit der Aufschrift "cool". Klingt auf jeden Fall weniger diskriminierend für die, die den nehmen.

Als wir dann die zweite Abfahrt in Angriff nahmen, waren alles Sprünge wieder offen, und man konnte die Strecke schön aggro und mit Speed fahren. Siehe da, auf einmal machte die Strecke Spassßhren. Jeder Zentimeter ist ausgenutzt, und man merkt, dass die Strecke mit sehr viel Liebe und Herzblut gemacht wurde. Gleich am Anfang wurde man mit einem fahrtechnischen Feuerwerk verwöhnt: Start Rampe, kleiner Double, mittlerer Table, Step Down, Corner Jump über eine Wächte in einen Steilhang, unten ein 90°-Vollgasanlieger... und das waren gerade die ersten 10 Sekunden!

Kurz vor Ende des Samstagstrainings wurde noch von einem Offiziellen lautstark am Start oben verkündet, dass, wenn ich den Herrn mit meinen Schul-Französischkenntnissen richtig verstanden habe, wenn sich jetzt noch einmal einer ablegt und die Feuerwehr kommen muss, das Rennen am morgigen Tag abgesagt werde!!!! Das war eine Ansagen - ab sofort fuhr ich nicht mehr ganz so on Fire. Hoffentlich gibt es keinen Waldbrand, hoffentlich muss die Feuerwehr nicht mehr ausrücken.... ??? hää? Was haben die bitte geraucht? Feuerwehr???
Zur Aufklärung: Er sprach von den "Pompiers"... das ist primär die Feuerwehr, aber in Frankreich wohl offensichtlich der Oberbegriff für Blaulichtauto für Notfälle. Auf jeden Fall half die Drohung mit der Feuerwehr, der Rettungswagen musste nicht mehr kommen, und dem morgigen Rennen stand nichts mehr im Wege.

Als kleines Rahmenprogramm stand am Abend noch der 4X an - wie damals bei den Worldcups, als es 4X noch als Rahmenprogramm gab.

Am nächsten Morgen, nachdem ich in meinem 20-Mark-Quelleschlafsack bei 2 Grad Minus fast erfroren wäre, ging es erst mal auf die Morgentoilette. Interessant... keine Dixies. Auf Nachfragen wurde auf einen kleinen Wall mit den Worten "les toilettes traditionelles" hingewiesen. Aha. Klingt vielleicht eklig, aber eigentlich ist es weniger eklig als sich in eine randvollgesch... Plastik-Kabine zu begeben. Um in das Geschäft der Kollegen nicht "hineinzudappen", nimmt man sein gebrauchtes Klopapier und bedeckt das Häufchen damit.

Noch schnell 3 Training Runs gemacht, dabei fest gestellt, dass nochmal 2 Deutsche am Start sind, nämlich der Arie Schindler und ein Teamkollege von ihm. Um 13 Uhr fand Lauf 1 statt, der dem Seedingrun entsprach. Hier gab es diverse Überholmanöver, und zumindest ich hatte Glück - die Worte "Attention, à gauche!!!!" eröffneten mir den Weg zur freien Bahn. Netter Typ, der vor mir gestartet ist - in Deutschland habe ich schon Seedings erlebt, da lässt einen der Vordermann ums Verrecken nicht durch. So was hat auch schon zu bösen Stürzen geführt... wobei es das sicher auch in Frankreich gibt.
Hinter mir startete der Kumpel vom Arie, und dann der Arie - die haben die 3 Deutschen in Reihe aufgestellt, möglicherweise zur besseren Verständigung.
Lauf 1 zur richtigen Startzeit zu fahren war für nicht-französischsprachige Deutsche noch einfach - just die Startnummern in verkehrter Reihenfolge beachten. An die richtige Stelle stellen, glücklich sein.

Arie im perfekt geshapten Anlieger:
​https://www.flickr.com/photos/wagondh/17225929811/

Während ich mich über meinen 2ten Platz bei den Masters mit einer Zeit von 2 min 01 freute, traf mein Kumpel Flo nach 8 Minuten erst im Ziel ein - platter Vorderreifen. Auf der Strecke gab es 2 künstliche Steinfelder, jeweils bestehend aus 3 Steinen oder so... fast schon eine Kunst sich hier einen Snakebite zu fangen. Flo hat es geschafft - und nun kann ich einen Ausdruck mehr auf Französisch: "Putain de merde!!!" (sorry, das kann man nicht übersetzen, denn im Deutschen gibt es keine zweite Steigerungsform von "Schei**").

Dafür durfte Flo gleich als erster starten. Also hatte er auch gleich die Bestzeit inne: 1 min 57 irgendwas. Sauber. Als ich dann ca. 20 Minuten nach Flo seinem Lauf mich auch langsam zum Start begab, saß er noch im Hotseat - in der prallen Sonne.

Beide Läufe wurden im Scratch-Modus ausgetragen, d.h. die Klassen waren gemischt, lediglich die Laufzeit entschied. Hat Vorteile. Aber auch Nachteile, z.B. wenn ein schneller Elite-Fahrer aufgrund eines Defekts seinen Lauf 1 vergeigt. Dann belegt er das ganze Rennen durch den Hotseat, und die schwächeren Klassen haben von vorn herein keine Chance den Hotseat zu erklimmen.
Wie ich dann eine solide 1 min 59 runter zimmerte, saß Flo noch immer da... nunmehr seit 1 1/2 Stunden!

Wie ich so nach der Siegerehrung nach Hause fuhr, musste ich über vieles nachdenken...
- putain de merde... hat Flo sich über den vergeigten Seeding aufgeregt, oder hat er geahnt, dass er einen tierischen Sonnenbrand im Hotseat bekommen würde? Denn bei dem Wetter war der Name "Hotseat" echt Programm.
- mit unserer französischen Teamfahrerin, der Morgane, hatte ich unlängst eine Diskussion über die Kiffgewohnheiten der Deutschen bzw. Franzosen: Morgane meinte, sie fände es krass, dass die Deutschen alle kiffen - in Frankreich sei das nicht so weit verbreitet. Meine Gegenthese: 1. Ich hab noch nie gekifft, und 2. empfand ich das genau anders herum. Wir konnten damals keine eindeutige Schlussfolgerung finden, ABER: während meines Finallaufs stank es im Wald nach dem Zeug - und wie penetrant.
- Das nette Mädchen, das mir auf dem Podium den Pokal für den 2ten Platz bei den Masters überreichte, flüsterte mir zu: "à la prochaine". Das bedeutet, bis zum nächsten Mal... und ja, hier komme ich wieder her!

Der Pokal für den 2ten bei den Masters:


PS: Demnächst auch als Enduro-Rennen:

Fotos: Matthias Reichmann

Gepostet am 06.05.2015 von Matthias Reichmann |

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