Mountainbike Rider Magazine Leserreise nach Kanada - oder: wie ich plötzlich am Start der Enduro World Series in Whistler stand...

Wie die Jungfrau zum Kind kam MRM Redakteur Martin im Rahmen unserer Kanada Leserreise im letzten Sommer zur Teilnahme an der World Enduro Series in Whistler... Hier ist die ganze Geschichte.

Eigentlich sollte in Whistler der "entspannte" Abschluss einer durchaus radfahrlastigen Bikewoche quer durch BC stattfinden. Ein bisschen zugucken, ein bisschen Pro´s treffen, ein bisschen Party. Stattdessen kam irgendeiner auf die Idee, ich solle doch bei der World Enduro Series mitfahren, die am zweiten Tag unseres Whistler Aufenthaltes startete. Klar, super Idee! Zwar hatte ich noch nicht einmal ein Endurobike dabei, aber dieses und andere kleinere Problemchen sollten in den Griff zu bekommen sein...

Unverhofft kommt oft und das Gute daran: wenn man sich nicht auf etwas vorbereitet hat, kann auch nichts schiefgehen! Und so stehe ich Samstag früh ganz allein auf dem Skiers Plaza mitten in Whistler, wo ein weiterer Frühaufsteher gerade noch die Startrampe des Endurorennes neben dem SRAM Truck rot anmalt. Warum bin ich der Einzige hier? Werde ich gleich rote Reifen bekommen und überhaupt: ist es wohl eine gute Idee, als Einstieg in meine Enduro Rennkarriere direkt mal die Worldseries zu wählen, an der alles, was im Enduro Business Rang und Namen hat, teilnimmt? Dass ich aufgrund der spontanen Anmeldung noch keine der einzelnen Stages vorher gesehen habe, werte ich einfach mal als taktischen Vorteil: immerhin kann mich so nichts schocken!

Aha, da kommen noch andere Fahrer, scheinbar war ich einfach ein bisschen früh dran. Bike-Check: Rahmen, Gabel und Laufräder bekommen Kontrollsticker verpasst, damit man unterwegs nichts austauschen kann. Sprich: ich muss das ganze Rennen mit ein und demselben Bike fahren. Kein Problem, ich bin froh, dass mir so kurzfristig überhaupt jemand ein Bike geliehen hat (dieser jemand war dann auch direkt Tyler Morland, yeah!), schließlich weiss ich erst seit vorgestern, dass ich hier mitmachen darf. Die erste Stage beginnt kurz nach dem Einstieg in den „Top of the World“ Trail. Ganz schön kalt da oben ohne Jacke. Und überall diese Mücken! Das Startprozedere erinnert an ein Downhillrennen, ganz professionell alles. Piep, piep, piep..... Los geht´s! Ich trete rein, was das Zeug hält, will mich ja nicht blamieren! Wo bleibt denn das Ziel? Nach zwei Minuten wird mir fast schwindelig... stimmt, die erste Stage kam mir schon bei der Beschreibung auf dem Fahrerbriefing verdächtig lang vor. Dann überholt mich auch noch der Typ hinter mir, der mir vorher lang und breit erzählt hat, wie lange er trainiert hat und dass er sich normalerweise immer im vorderen Mittelfeld platziert. Fast eine Viertelstunde bin ich unterwegs, nach der ersten Stage geht schon nichts mehr und das einzig Gute daran ist: mehr Laktat kann mein Körper nicht in die Beine pumpen, denn der Vorrat muss bereits jetzt aufgebraucht sein! Zur nächsten Stage geht es erstmal bergab. 20 Minuten über so einen Wirtschaftsweg, der so steil ist, dass man die ganze Zeit bremsen muss. Spaaaaß?

Zweite Stage. Soll sein, wie ein Pumptrack, lasse ich mir sagen. Jemand anders erwähnt der Fairness halber immerhin einen kleinen Uphill. Kein Problem, ich fahre ja nicht zum ersten mal bergauf. Los geht´s. Etwas über einen Kilometer, da kann man ruhig etwas Gas geben am Start! Oh nein: eine Holzbrücke! Wie ich Holzbrücken hasse! Und sie hasst mich: Das Vorderrad rutscht weg und ich fliege in die kanadische Botanik, toll. Schnell wieder hoch, es ist ein schmaler Grat: ich will schnell sein, dennoch nicht ohnmächtig werden. Dann kommt der Uphill. Ein ganz kleiner. Dass ich nicht kotzen muss, ist alles. Kurz vorm Krampf bin ich beinahe oben, da überholt mich schon wieder mein Hintermann. Ok, ich werde wohl letzter. „You got it!“ rufen mir die Streckenposten zu. Ich wähne mich bereits fast im Ziel, sie meinten aber wirklich nur den einen Uphill. Damn.

Vor Stage drei soll es ein bisschen bergauf gehen. Etwa eine Stunde schiebe ich. Cool, endlich mal Zeit zum Unterhalten, denn auch, wenn ich mich gerade extrem langsam fühle, bin ich beileibe nicht der Einzige, der heute Radwandert. Angeblich soll Cedric Gracia hier beim Training fast explodiert sein, weil diese Schiebepassage nicht seiner Definition von Enduro entsprach. Schöne Singletrails, die sich seicht und bei bester Aussicht nach oben schlängeln, wären vermutlich allen lieber, aber bei dem Pensum an Höhenmetern geht es vielleicht auch nicht anders... Stage drei selbst ist richtig gut! Steil, eng, schnell, technisch - alles drin! Und so kurz, dass ich glatt das Ziel übersehe und erst aufhöre zu treten, als die Leute mir zu verstehen geben, dass ich es geschafft habe. Dieses mal habe ich einen anderen Fahrer überholt, yeah! Die nun folgende Transit Passage ist der Hammer! Teilweise rutschen Fahrer auf dem Hintern diese steilen Felsblöcke runter. Ich habe Spaß, warum wird hier nicht die Zeit gestoppt?

Jetzt soll es eine Straße hochgehen. Kann man aber fahren. Ich nehme trotzdem den Helm ab, habe natürlich nur einen Downhillhelm dabei und der tropft schon von innen. Als ich mit Helm überm Lenker lospedaliere verspüre ich allgemeine Unruhe und ich werde recht bald von einem aufmerksamen Mitstreiter darauf hingewiesen, dass mir die Disqualifikation blühe, sollte ich offiziell „erwischt“ werden. Enduro ohne Regeln? Wohl nicht nur bei der motorisierten Variante undenkbar... Wieder mindestens eine Stunde schieben. Je länger das hier dauert, desto mehr Spaß macht es mir, am Ende scheisse ich drauf und fahre einfach trotzdem, egal wie anstrengend das ist. Für Stage 4 nehme ich mir vor, entspannt zu bleiben, damit ich bis unten konzentriert fahren kann. Das klappt super, bis ich trotzdem stürze und voll auf die Hand knalle. Egal, geht weiter. Im Ziel interviewt mich Brett Tippie, weil auf „meinem“ geliehenen Bike der Name von Tyler Morland prangt, den hier in Whistler nicht nur Tippie kennt: „Are you a fXXXXXg bike thief???“ fragt er mich lachend.

Die letzte Stage führt von „The Top of the World“ runter bis Whistler Village. Etwa 30 Minuten soll die Abfahrt dauern. Am Start ist mir schon wieder kalt, ich bin eh schon total durch und eigentlich habe ich keine Lust mehr. Dementsprechend motiviert rolle ich los, wohlwissend, dass mindestens eine halbe Stunde Schmerzen vor mir liegen. Plötzlich macht das irgendwie Spaß. Aus unmotiviertem Rollen wird total entspanntes Flowen. Hier abspringen, da pushen und auf einmal läuft der Hase. Bereits nach ein paar Kurven „kassiere“ ich den ersten Fahrer. Plötzlich ist der Rennmodus aktiviert. Und  scheissegal, wie sehr die Hände einschlafen und der Rücken weh tut, jetzt habe ich Bock! Lasse laufen, trete rein, überhole, versuche noch zu stylen, falls sich doch mal Zuschauer an die Trails hier oben verirrt haben und hoffe einfach, dass das bis unten gut geht. Geht es! Unten ist es richtig voll und ich werde direkt von ein paar bekannten Gesichten begrüßt, die mir zur Ankunft gratulieren. Ich hatte einen anstrengenden Tag auf dem Bike, bin völlig fertig und allein das sagt ja schon, dass es ein guter Tag war! Am Ende lande ich genau einen Platz hinter dem motivierten Fahrer, der mich am Anfang zweimal überholt hat und der mir mit seinen Ambitionen etwas Angst gemacht hatte.

Enduro World Series? Kann ich nur empfehlen! Im Grunde ist es genauso entspannt, wie ein kleines Wald und Wiesen Enduro in heimischen Gefilden: recht familiäre Atmosphäre - zumindest in der Hobbyklasse - und am Ende geht´s doch allen ums gemeinsame Radfahren!

Also sollte ich dieses Jahr zufällig wieder zu genau dem Zeitpunkt in Whistler sein - ich bin wieder dabei! Und wer das auch sein möchte, der sollte sich unbedingt mal das 2014er Angebot zu unserer Kanada Reise anschauen!

Hier gibts alle Infos.

Und hier die komplette Story vom letzten Jahr.

Würde mich freuen, den ein oder anderen in Kanada zu treffen!

Cheers,

Martin

Hier noch eine kleine Gallery zum Rennen....

Fotos: Martin Donat

Gepostet am 14.04.2014 von Martin Donat |

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