Alt vs. Neu: Wie sich die MTB Technik in den letzten 20 Jahren verändert hat

Beim Gang durch den Keller humpelte ich so an meinem alten Heavy Tools Downhiller vorbei und begann, von den guten alten Zeiten zu träumen. Mensch, was hatten wir damals tolle Fahrräder... nicht! Grund genug, mal die markantesten Veränderungen von damals zu heute zusammenzutragen...


Das Bike war damals schon ganz geil. Fand ich zumindest. Hatte glaube ich 120mm Federweg, wow! Vermutlich wog es eine Tonne, dafür hat es auch nicht lange gehalten. Aber komm, is egal, wir hatten Spaß! Auch wenn der Lenkwinkel zu steil, das Tretlager zu hoch und die Federung zu schlecht waren...

Und hier haben wir die aktuelle Version eines Downhillbikes. Vom Gewicht über die Funktion bis zur Geometrie: Ich muss einfach sagen: die Unterschiede sind richtig krass! Deshalb habe ich mal, wie bei RTL, eine Top 10 Liste erstellt! Hier kommen....

Die 10 markantesten Gründe, warum Downhillbikes vor 15 Jahren cool, aber heute viel besser sind!



1. Die Bremsen

Bremsen hatten damals eine markante Eigenschaft: sie haben nur äußerst selten ihrem Namen Ehre gemacht und gebremst! Ganz am Anfang sind wir Felgenbremsen gefahren, die nach und nach die Felge weggefräst haben, so dass man manchmal, mitten auf einer Tour, plötzlich ein fieses "Knarz" gehört hat: die Felge war durchgebremst - man durfte nachhause schieben. Dow Bremspower war bescheiden. Vor allem im Winter war sie auch schon mal komplett weg. Bis die "V-Brakes" kamen und vor allem Maguras hydraulische "HS33". Aber auch die brachte Probleme mit sich. Erstens war die Felge, wegen der großen Power, noch schneller weg. Zweitens bogen die Bremsen, wegen der großen Power, die Hinterbauten derart auseinander, dass man einen Druckpunkt hatte, als wenn der Bremshebel aus Flummi gebaut wäre. Die Lösung: "Brakebooster"! Brakebooster waren damals ein sehr beliebtes Tuningprodukt, das es in allen erdenklichen Eloxalfarben gab. Dann kamen die Scheibenbremsen, die mit den Anfangs erwähnten Felgenbremsen einiges gemein hatten: sie funktionierten nicht wirklich. Das wurde aber schnell besser. Die Formula Bremse war eine der ersten echt guten! Dumm nur, dass jeder seinen eigenen Standard hatte und man eigentlich schon vorher wusste, dass die neue Bremse so ohne Weiteres garantiert nicht an Rahmen und Gabel passen würde...Mit Einführung der 6-Loch Scheibenbefestigung und des Internationalen Standards für die Bremszange wurde das langsam besser...

Magura "HS 33"

Paioli/Formula Bremse

Aktuelle Avid Bremse. Da passt alles und die Power ist beeindruckend. Yeah!

2. Die Schaltung

Mein erstes Bike hatte 21 Gänge. Von Shimano. Was anderes gab´s eh nicht. 21 Gänge waren viel! Ich hatte drei Kettenblätter. Die Schaltung war unpräzise, die Kette sprang dauernd ab und alles hat geklappert. Dann kamen 8-fach Kassetten! Wow! Und so eine kleine, coole Ami Firma mit diesen "Grip Shift" Griffen. Ich hatte ein "ShimaNO" T-Shirt. Mein Traum war ein Tuningschaltwerk von "Pauls", das garantiert noch schlechter funktioniert hat, aber damals so ziemlich das Coolste Zubehörteil war, das es gab. Leider auch viel zu teuer für mich.  9-fach Kassetten wurden heisser Scheiss. Es hat immer noch alles geklappert. An Downhillbikes fuhren wir ein Kettenblatt (Anfangs gerne auch mal 52 Zähne) und erste Kettenführungen. Dazu gerne mal Rennradkassetten. Zweifach Antriebe an Freeride Bikes wurden Mode. Mit schaltbaren Kettenführungen. Heute fährt man 11-fach mit einem Kettenblatt und hat quasi denselben Effekt in Sachen Übersetzung! Aber: es klappert kaum noch was und die Schaltvorgänge sind seidenweich. Zumindest im Vergleich zu damals. Dafür kostet so eine Schaltgruppe heute auch mal so viel, wie ein schöner Pauschalurlaub auf Malle, zwei Wochen. 

XTR war damals State of the Art!

In Sachen Präzision, Gewicht, Haltbarkeit aber auch Preis ging es immer nach vorn!

3. Kettenführungen

Eine Kettenführung wurde damals entweder direkt am Sitzrohr befestigt oder am Tretlager geklemmt. Beides hatte Nachteile: Am Sitzrohr passte es in wenigen Fällen, so dass man mit Distanzstücken ausgleichen musste, dann hat es meistens nicht mehr gut gehalten. Am Tretlager hielt eh nix: bei Schlag von unten hat sich die gesamte Kettenführung verdreht. Es gab viele schwere und hässliche Varianten, manche funktionierten halbwegs, andere nicht. Eine sehr populäre Kettenführung hatte Tiernamen: Chaindog für oben, Chaincat für unten. Kettenführungen haben immer genervt. Alles wurde besser mit Einführung des ISCG Standards. Diese kleine Firma Namens Truvativ war für seine gut funktionierende Kettenführung bekannt. Heute ist ISCG05 Standard und die meisten Kettenführungen funktionieren gut. Was nicht unbedingt heisst, dass auch die meisten Kettenführungen passen...

Roox "Chaindog" - damit war man ganz weit vorne!

Heute sehen Kettenführungen gut aus, lassen sich einfach montieren und passen in vielen Fällen sogar. Wow!

4. Hinterbaufederung

Das Heavy Tools war mein erstes Fully. 120mm Federweg waren damals verdammt viel. Typisch für die Zeit: es gab jede Menge Einstellmöglichkeiten über verschiedene Aufhängungen des Dämpfers. Davon machten in der Regen ein oder zwei Sinn. Welche von den unzähligen Möglichkeiten das war, musste man in der Regel selber herausfinden. Wenn der Reifen regelmäßig am Rahmen anschlug, war das zum Beispiel ein Zeichen dafür, dass es nicht passt! Dämpfer sind damals gerne mal explodiert. Sie hatten meistens schon Einstellknöpfe, sehr oft hat man davon aber nichts gemerkt. Es gab schon lange Luftdämpfer, die sich aber Anfangs nur mit viel Glück und bei dicken Einschlägen dazu überreden ließen, sich zu bewegen. Hinterbauten waren teilweise so uneffektiv, dass es echt anstrengend war, mit den Bikes bergauf zu fahren. Trotzdem: wir Downhiller hatten den heissen Scheiss, egal, wie scheisse er war! Heute ist es ja schon fast langweilig und nahezu idiotensicher. Wie gut, dass es Dämpfer gibt, die so viele Einstellmöglichkeiten haben, dass es immer noch spannend bleibt!

Fox "Alps 5" - damals schwer in Mode

Fox gibt´s immer noch...wow!

5. Rahmendetails

Früher waren ausgediente Fahrradschläuche sehr wichtig, fast genau so wichtig waren Kabelbinde. Denn damit konnte man einfach und effektiv diverse Fehlkonstruktionen und deren Auswirkungen in den Griff bekommen. Hier seht ihr, wie ich elegant dafür gesorgt habe, dass die Doppelbrücke dem Rahmen keinen Schaden anhaben kann! Dumm gelaufen: der Rahmen ist trotzdem gerissen, nur ein Stück weiter hinten... War aber auch nicht schlimm, denn ich kann mich nicht erinnrn, dass es damals Rahmen gab, die nicht gerissen wären. Fahrradschläuche waren auch Kettenstrebenschutz oder Schutzblech. Eine sinnvolle Zugverlegung ist auch eine Errungenschaft der Neuzeit. Intern verlegte Züge sowieso... Überhaupt: wenn die Federung damals funktionierte, war das eigentlich genug an feinen Details!

Nicht hübsch, aber effektiv!

Alles anders: eine sinnvolle Zugverlegung, Gabelanschlaggummis, integrierter Steuersatz, Carbon, guter Lack, der nicht sofort abgeht... Wow!



6. Reifen

Damals wurden Reifen sowieso gecutted. Was nicht heisst, dass es dadurch besser wurde. Es war ja immer noch dasselbe Gummi und die meisten wussten sicher nicht, was sie da schnibbelten. Es gab darüber hinaus zwei Möglichkeiten: entweder war der Reifen steinhart, hat lange gehalten und hatte dafür null Grip. Oder der Reifen war "super tacky", dafür aber nach einem Rennen weg. Tioga´s "Psycho" Reifen war ein must have, obwohl er echt scheisse war und nichtmal ein Rennen lang hielt. Wenn er dann noch auf einem Tioga Disc Wheel, das im Schnitt zwei Wochenenden überlebt hat, montiert war, war man der King. Wenn ich heute viermal im Jahr einen Platten habe, war es damals eher 4 Mal im Monat. Nach der Epoche von Michelin und Hutchinson, war Maxxis eine dauerhafte Konstante im Reifenbuiss. "Minion" und "Highroller" kennt heute immer noch jeder. "C16" oder "C32" eher nicht...

Dr "Mobster" von Maxxis geht heute auf jeden Fall als Oldschool durch. Aber es gibt ihn noch!

Maxxis´"Minion" in seiner neuen Version. Tubeless ready und mit 3c-Gummimischung. Leichter, besser, langlebiger. Wow!



7. Kurbeln

Kurbeln waren die Teile, die gerne mal abbrachen (meist war das Innenlager schuld) oder verbogen. Kurbeln hatten früher eine 4-Kant Aufnahme. Kurbeln waren schwer. Um Kurbeln zu demontieren, brauchte man einen Kurbelabzieher, wehe, wenn man aufgrund von Unwissenheit, das dazu notwendige Gewinde rausgerissen hatte! Kurbeln waren eines der Tuningparts schlechthin! Vor allem die CNC gefrästen US Teile in Eloxal Lila, blau, pink und grün. Dann kam wieder diese kleine Firma Truvativ und brachte eine Gold Edition für Teamfahrer raus! Heute sind Kurbeln viel leichter. So wirklich groß ist die Auswahl nicht mehr. Carbon ist schon ziemlich in, auch an Downhillbikes. 

Truvativ "Hussefelt" in Gold - hätte ich gewusst, dass das eine Special Edition bleiben sollte, hätte ich sie direkt in den heiligen MTB Schrein gepackt!

Truvativ "XO DH" aus Carbon. Leicht, steif und, glaubt was ihr wollt, sehr, sehr stabil! Im Vergleich zu damals jedenfalls. Und das beste: mit integriertem Abzieher! Wow!

8. Federgabeln

Au weia, wo soll ich anfangen. Meine erste Federgabel hatte 42 mm Federweg, die sich anfühlten, wie 2 mm. Dafür gab es ein Long Travel Kit auf 60 mm, das ich mir nicht leisten konnte. Meine zweite Federgabel hatte 80 mm Federweg, zumindest theoretisch, die aber nur einmal funktioniert haben: im Urlaub auf Ibiza, wo es so heiss war, dass die Elastomere endlich weich wurden. Meine erste Doppelbrückengabel war eine 3G Urtho, die man nach jeder Fahrt komplett zerlegen musste, damit sich noch was regt. Meine zweite Doppelbrückengabel war die Race Factory. Die gab es in zwei Ausführungen: einmal mit zu großen Toleranzen, dann hat die Gabel zwar geklappert, aber sie hat gefedert. Oder mit zu engen Toleranzen, dann hat nichts geklappert, aber auch nichts gefedert. So eine hatte ich. Konnte man sich übrigens nicht vorher aussuchen. Dann kam Marzocchi mit der "Z1", ab da wurde alles besser. Die erste, richtig gute DH Gabel, an die ich mich erinnern kann, war die Rock Shox "Boxxer", die es immer nocht gibt. Hat aber außer dem Namen nicht mehr viel mit dem Modell von damals gemeinsam! Heute federn Federgabeln, sie sind voll leicht, haltbar und die Einstellknöpfe bedingen tatsächlich Veränderungen. Und so gut wie alle Federgabeln federn mit Luft oder Stahl/Titan und dämpfen hydraulisch. Keine Elastomere mehr und keine verrückten "Luft-Reibungsdämpfer". 

War damals trotz allem weit vorn: die Race Factory Doppelbrückengabel

Hätte es damals solche Produkte gegeben hätten wir vermutlich nur noch gefeiert! Ein Glück, dass es sie nicht gab, da kamen wir wenigstens zum Downhillfahren!

9. Lenker

Im Wesentlichen gibt es zwei markante Unterschiede: Heute sind Lenker in der Regel breiter als 700 mm und sie brechen nicht. Damals waren sie vieeeeeel schmaler und brachen ziemlich sicher. Besonders gern an Drops. In einem MTB Magazin wurde empfohlen, in so einem Fall einen passenden Stock zu suchen, die Lenkerenden auf diese Weise wieder zusammenzustecken, und so noch nachhause zu fahren. Es hat sehr gut funktioniert... nicht. 

Lenker. Oldschool.

Lenker. Newschool. Wow!

10. Griffe

Kennt ihr Griffe, die keine Lockon Griffe sind? Ok, vielleicht am Dirtbike. Aber am Downhiller? Ok, früher war das normal. Genauso, wie die Tatsache, dass das natürlich nicht gehalten hat, vor allem bei Regen und besonders gern auf Rennen. Daher wurden Griffe oft, wie diese hier von Oury, mit solchen Aussparungen versehen, in die super ein Strück Draht oder Kabelbinder passten, von denen man sich erhoffte, dass sie das Verrutschen des Griffs verhinderten. Machten sie meistens nicht. Mein erster fetter Sturz an den ich mich erinnere, passierte, weil in einer Highspeedkurve der Griff vom Lenker flutschte. Lockon Griffe machten mega Sinn. Waren Anfangs aber mega selten und teuer. Aber so praktisch: früher musste man ja für die Montage von Schalt- und Bremshebel immer die Griffe entfernen, weil es keine zweiteiligen Klemmungen gab. Das hat richtig Zeit gespart. Ein Hoch auf Lockon Griffe!

Oury Griffe - damit war man schonmal relativ weit vorne damals!

Heute gibts fast nur noch Lockon Griffe. Und heute muss man die noch nichtmal abschrauben, wenn man Brems- oder Schalthebel demontieren will. Wow!

Ich bin gespannt, wie der Vergleich zum Demo von Heute in zwanzig Jahren ausfällt!

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Gepostet am 29.11.2013 von Thomas |

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